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Start-Up! Als Geisteswissenschaftlerin in die Wirtschaft

Ein Gespräch mit Kathleen Fritzsche von Accelerate Stuttgart.

Von Nicole Werner und Carina Wolf

NW/CW: Als Linguistik-Studenten interessiert uns sehr, ob Sie sich schon vor oder während Ihres Studiums über Ihre beruflichen Wünsche und Möglichkeiten im Klaren waren und ob diese Vorstellungen mit Ihrem heutigen Beruf übereinstimmen.

KF: Mich haben andere Sprachen schon in der Grundschule fasziniert und ich wollte nicht den üblichen Lehrer- oder BWL-Karriereweg einschlagen wie alle anderen in meinem Umfeld. Ich hatte außerdem nach der 10. Klasse ein Schuljahr in Frankreich absolviert. Als ich dann zufällig über das Fach Vergleichende Sprachwissenschaft an der Uni Mainz gestolpert bin und ich mich näher damit befasst habe, war meine Entscheidung klar: Ich möchte Linguistik und Französisch als Hauptfächer studieren, damals noch mit Magister-Abschluss. Was ich mit dem Abschluss später mal anfangen würde, war mir zu Beginn nicht klar. Mir war wichtiger, dass ich etwas studiere, das mich wirklich interessiert.

Kathleen Fritzsche von Accelerate Stuttgart
Kathleen Fritzsche von Accelerate Stuttgart

NW/CW: Haben Sie sich bereits während des Studiums beruflich orientiert? Inwiefern haben Ihnen diese Erfahrungen für den Einstieg in Ihren heutigen Beruf geholfen?

KF: Während des Studiums habe ich schon früh angefangen im Sommer zu arbeiten bzw. Praktika zu absolvieren, u.a. in einer Dokumentarfilm-Firma in Dijon und bei der Umweltstiftung in Mainz. Im siebten Semester habe ich dann neben meinem normalen Studium aus Interesse eine wirtschaftliche Weiterbildung belegt, die die Universität Mainz fächerübergreifend angeboten hat – und hoffentlich heute noch anbietet. Damals war ich abgeschreckt von den vielen Stolperfallen, die auf Gründer zukommen und hätte mir nie erträumt, dass ich diesen Schritt doch einmal wage. 2008 habe ich dann ein Praktikum bei der IBM in Herrenberg im Marketing für deren Studienprogramme absolviert. Dieses fand ich super spannend und ein Einstieg in die freie Wirtschaft sehr interessant, allerdings ist der Einstieg mit „nur“ einem geisteswissenschaftlichen Abschluss im Lebenslauf schwierig. 2009 bin ich dann mit dem Studium fertig geworden, mitten in der Wirtschaftskrise. Um mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu bekommen und weitere wirtschaftliche Kenntnisse zu sammeln, habe ich noch einen berufsbegleitenden Master in Management an einer der Business Schools der Steinbeis-Hochschule absolviert und gleichzeitig dort in der Rekrutierung und im Online-Marketing gearbeitet.

Während meines Masters habe ich dann am ersten Startup Weekend Stuttgart 2010 teilgenommen. Dadurch bin ich mit der Startup-Szene in Kontakt gekommen, wobei mich vor allem die hoch motivierten Leute und die Aufbruchsstimmung mitgerissen haben. Danach habe ich u.a. die ehrenamtliche Community Startup Stuttgart mitgegründet und für ein Startup in Stuttgart gearbeitet. 2012 habe ich dann zusammen mit Harald Amelung und Johannes Ellenberg unsere jetzige Firma Accelerate Stuttgart gegründet.

NW/CW: Was macht Accelerate Stuttgart?

KF: Accelerate Stuttgart GmbH unterstützt Gründer, Startups und Unternehmen in Baden-Württemberg dabei, digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. Ziel ist es, GründerInnen in Baden-Württemberg zu beschleunigen und Startup Spirit in etablierte Unternehmen zu bringen, um den Wandel der digitalen Transformation zu meistern. Vielversprechende Geschäftsmodelle zu entdecken und mit erfolgsgeprüften Startup-Methoden zu entwickeln gehört zur Kernkompetenz des Teams. Accelerate Stuttgart wurde im September 2012 von mir, Johannes Ellenberg und Harald Amelung in Stuttgart mit der Vision gegründet, ein Accelerator-Programm für Startups in Baden-Württemberg aufzubauen. Das erste Programm lief erfolgreich von Oktober 2015 bis März 2016. Mit den 2015 bezogenen Accelerate Spaces im Herzen Stuttgarts hat das junge Unternehmen außerdem ein Innovation Hub für Corporates und Startups gleichermaßen geschaffen und vermittelt in regelmäßigen Fachveranstaltungen und Expert-Sessions neueste Trends und Entwicklungen zu Startup- und Digitalthemen.

NW/CW: Denken Sie, dass Sie das Linguistik-Studium gut auf Ihre heutige Position vorbereitet hat?

KF: GeisteswissenschaftlerInnen leiden oftmals an mangelndem Selbstbewusstsein, da deren Kompetenzen nicht unmittelbar „greifbar“ sind wie bspw. bei Ärzten oder Anwälten. Implizit brauche ich aber meine Skills aus meinem ersten Studium jeden Tag und wäre ohne dieses nicht da, wo ich heute bin. Dies reicht vom einfachen „über den Tellerrand hinaus schauen“, um Probleme zu lösen, über das Schreiben und Übersetzen von Texten bis hin zur Moderation von Events auf Französisch.

NW/CW: Ihr Unternehmen ist eher wirtschaftlich ausgerichtet. Denken Sie, dass spezielle wirtschaftsbezogene Zusatzqualifikationen wichtig sind, um in Ihrem Bereich zu arbeiten? Wenn ja, welche Maßnahmen sind Ihrer Meinung nach erforderlich?

KF: Wirtschaftliche Zusatzqualifikationen helfen vor allem als Validierung im Lebenslauf, wenn man sich später für einen Job in der freien Wirtschaft bewirbt. Leider fällt es vor allem deutschen Unternehmen immer noch schwer, Vertrauen in Absolventen zu setzen, die „nur“ einen geisteswissenschaftlichen Abschluss mitbringen. Deshalb sehe ich es als enorm wichtig an, schon während des Studiums Praktika in der freien Wirtschaft zu absolvieren, wenn man sich später dahin orientieren möchte und ggf. weitere Zusatzqualifikationen im BWL-Bereich zu erwerben. Außerdem sind Auslandserfahrungen (Studium oder Praktikum) absolut Gold wert, denn sie verhelfen zu ganz anderen Perspektiven, Skills und Selbstständigkeit, die man im Studium in Deutschland so nicht mitbekommt. In die meisten Arbeitsbereiche kann man sich jedoch aus meiner Sicht einarbeiten, wenn man das nötige Durchhaltevermögen, Disziplin und den Lernwillen mitbringt. Den Großteil des Wissens, das ich heute bei meiner Arbeit brauche, habe ich mir tatsächlich „on the job“ bzw. während Praktika angeeignet und nicht vordergründig aus dem Studium mitgenommen. Aber da macht natürlich jeder seine eigenen Erfahrungen.

NW/CW: Können Sie uns einen „typischen“ Tag in Ihrem Beruf schildern? Was sind Ihre konkreten Aufgaben?

KF: Mein Job auf Management-Ebene ist sehr facettenreich, aber in einem so kleinen Unternehmen auch immer noch sehr operativ ausgerichtet: Von klassischen Admin-Aufgaben wie Personalmanagement oder Management von Raumbuchungen über Projekt- und Eventmanagement bis hin zu (strategischem und operativem) Marketing ist alles dabei. In den letzten Monaten hatte ich vier große Schwerpunkte in meiner Arbeit:

1. Projekte für externe AuftraggeberInnen durchzuführen (z.B. Online-   Marketing-  Aufgaben oder Events organisieren).

2. Unser Accelerator-Programm als Programm-Managerin vor allem auf  organisatorischer Ebene zu betreuen und sicherzustellen, dass die Startups  vorankommen und zufrieden sind.

3. Die Angebote und Produkte von Accelerate Stuttgart extern zu vermarkten.

4. Unsere Accelerate Spaces und die externen Raumbuchungen zu betreuen  (Space Management).

NW/CW: Wie sehen die Einstiegsmöglichkeiten in Ihrem Unternehmen aus? Ist ein vorbereitendes Praktikum/Volontariat obligatorisch? Was empfehlen Sie Bewerberinnen und Bewerbern?

KF: Wir suchen fortlaufend Praktikanten aller Fachbereiche (ein BWL-Studium ist keine Voraussetzung für ein Praktikum bei uns) und ab und zu bieten wir auch Absolventenstellen an. Dabei ist neben einer zumindest ersten praktischen Vorerfahrung vor allem auch die Persönlichkeit der BewerberInnen ausschlaggebend und damit verbunden der Wille, schnell zu lernen und selbstständig zu arbeiten.

NW/CW: Sind Sie mit Ihrem beruflichen Werdegang zufrieden? Würden Sie heute wieder Linguistik studieren?

KF: Auf jeden Fall! Ich bin jeden Tag froh, dass ich im Erststudium Linguistik studiert habe. Dieses hat mich als Persönlichkeit sehr viel mehr geformt als der Management-Master. Im Vergleich zum „normalen“ BWLer gehe ich ganz anders an Problemstellungen und Aufgaben heran und bringe ganz andere Ideen mit ein. Dies ist eine wertvolle Ergänzung zu den ganzen wirtschaftlichen Kenntnissen, die ich mir über die Jahre angeeignet habe. Ich kann nur jedem Schulabgänger empfehlen, ein Studium zu absolvieren, dass ihn/sie auch wirklich interessiert, um diese wertvollen Jahre bis zum Maximum auszunutzen. Erfahrungsgemäß landet man eh oftmals nicht in dem Job, den man im Studium geplant oder im Visier hatte.

NW/CW: Vielen Dank für das aufschlussreiche Interview!