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Das überraschende Praktikum

Von Larissa Ferro

Nach insgesamt fünf Jahren an der Universität mit den Fächern Kunstgeschichte und Erziehungswissenschaften hatte ich für mich bereits herausfinden können, welche Forschungsgebiete mir besonders viel Spaß machten und vor allem (und das empfinde ich als beinahe noch wichtiger) in welchen Bereichen ich eher nicht tätig sein wollte.

Ich will nicht leugnen, dass mir dabei meine vergleichsweise lange Studienzeit zu Gute kam und ich unentwegt nach den Möglichkeiten griff, wenn sie sich mir boten: Ich lerne gerne um des Lernens willen.

So habe ich zusätzlich zu den obligatorischen Veranstaltungen meines Studienplans weitere Seminare und Kursangebote in Anspruch genommen. In Zahlen ausgedrückt: ich habe etwa zweimal mehr Hauptseminare belegt als vorgeschrieben, war in dreimal mehr Übungen und bei doppelt so vielen Exkursionen dabei. Ich habe zusätzlich mehrere Semester Arabisch gelernt, habe einen Russischkurs begonnen und Seminare im Bereich der Natur- und Informationswissenschaften belegt.

Ich habe Veranstaltungen besucht, auch ohne Leistungspunkte angerechnet zu bekommen und war bereit, auch an einzelnen Wochenenden Weiterbildungen zu besuchen und Zusatzqualifikationen zu erwerben (Kommunikations- und Rhetorikseminare und Ähnliches). Mein Hauptanliegen während meiner gesamten Studienzeit war es immer, viel (kennen) zu lernen und die Zeit bestmöglich zu nutzen.

Weil ich an der Universität ausgelastet genug war, kam es mir fast gar nicht in den Sinn, vielleicht auch außerhalb des universitären Bereichs Erfahrungen zu sammeln. Und schon gar nicht kurz vor der Masterarbeit. Wie also kam es doch dazu?

In der letzten Sitzung eines Blockseminars zu musealer Arbeit, das ich wirklich nur „ just for fun“ besuchte, sprach mich der Dozent an, ob ich nicht Lust hätte, meinen Erfahrungsschatz zu erweitern. Er bot mir an, in dem Museum, in dem er hauptberuflich tätig war, eine gewisse Zeit praktische Erfahrungen zu sammeln. Um ehrlich zu sein: es passte mir überhaupt nicht in den Plan!

Ich hatte ja bereits die Masterarbeit vor Augen und wusste, wenn ich jetzt ein Praktikum machen würde, zögerte sich mein Abschluss nochmal mindestens ein bis zwei Semester hinaus. Und ich war mir nicht sicher, ob ich für ein Praktikum – zumal voraussichtlich unbezahlt – die wertvolle Zeit, die ich für die Forschung vorgesehen hatte, opfern wollte.

Nach zwei Tagen Bedenkzeit kam ich aber zu dem Schluss, dass es äußerst idiotisch wäre, ein angebotenes(!) Praktikum und dessen Lernerfahrung (zumal in einem der bekannteren Museen im süddeutschen Raum) auszuschlagen. Aber „einem geschenkten Gaul… “ usw. Und so sagte ich zu. Ich trat also ein sechsmonatiges Praktikum an: in Vollzeit, freiwillig und mit einer eher (sehr) geringen Entlohnung.

Meine Aufgaben, die zuvor sehr vage beschrieben wurden, waren in den ersten Wochen vor allem solche, die ich mit „reinschnuppern“ beschreiben würde: Recherchearbeiten und kleinere Aufgabenprojekte realisieren, Sitzungen und Meetings beiwohnen, Zusammenfassungen und Protokolle schreiben, Informationen mit denen anderer Abteilungen abgleichen, erst einmal alles und (fast) jeden kennenlernen und mich in die Arbeitsabläufe einarbeiten.

Die 40 Stunden in der Woche vergingen wie im Flug und der erste Monat war rasant vorbei. Die „Arbeitswelt“ gefiel mir gut. Ich konnte mein Pensum gut erfüllen und war routiniert in die alltäglichen Arbeiten integriert. Ich hatte keine große Verantwortung und natürlich keinerlei Entscheidungsbefugnis, dennoch trug meine Arbeit dazu bei, den Ablauf aufrecht zu erhalten.

Ich kam abends nach Hause und brauchte mich nicht noch mit anstehenden Referaten, Ausarbeitungen oder Vorbereitungen beschäftigen. Mein Wochenende konnte ich nach Belieben verplanen. Seit Beginn des Studiums hatte mein außeruniversitäres Sozialleben nicht mehr so geblüht wie zu dieser Zeit!

Was mit der nächsten anstehenden großen Ausstellung kam, war aufregend, herausfordernd, realitätsnah und reflektierend betrachtet (leider) auch ein erfülltes Klischee, wenn es um die Arbeit der Praktikanten in vielen Arbeitsfeldern geht: Das Arbeitsaufkommen stieg, die To-Do-Listen verlängerten sich und die zu erledigenden Aufgaben häuften sich.

Gleichzeitig war die Arbeitskraft aber zu dieser Zeit durch gewisse Umstände deutlich reduziert. Ich sah das zunächst als Vorteil an: Ich hatte ein eigenes Büro mit zwei Schreibtischen zur Ablage und Organisation, hörte nur mein eigenes Tastaturgetippsel und alles Soziale beschränkte sich auf den Flur und die Teeküche – was einer konzentrierten Arbeitsweise sehr zugute kam.

Die Herausforderung bestand nun aber darin, mit reduzierter Arbeitskraft das erhöhte Arbeitspensum zu stemmen. Aus meinen 39,5 Stunden in der Woche wurden zeitweise knapp 60 Stunden inklusive (vereinzelt für Events) Wochenendarbeit. Mit meinen Aufgaben stieg meine Verantwortung und auch meine Bedeutung für die Abteilung. Zeitweise ersetzte ich mehr als eine vollwertige Stelle – zusätzlich zu meinen Praktikumsaufgaben.

Was ich aus dieser Zeit besonders mitnehme, sind allseits gefragte Softskills: hohe Lernbereitschaft, Teamfähigkeit und ausgeprägte Kommunikations- und Ausdrucksfähigkeit. Darüber hinaus selbstständiges und präzises Arbeiten, ausgewogenes Zeitmanagement, analytisches Denkvermögen und last but not least: Kreativität (besonders um die unerwarteten Aufgaben zu meistern)!

Ich habe meine Zeit im Praktikum nicht arbeitsrechtlich betrachtet. Vermutlich gäbe es da den ein oder anderen Punkt, an dem man ansetzen könnte. Wichtiger war mir zu dieser Zeit, dass die Balance stimmt: Habe ich für das, was ich gegeben habe, ausreichend Entlohnung bekommen?

Zwar deckten sich die Erwartung des Praktikumsverlaufs und der Einsatzbereich nicht unbedingt mit der Realität, dafür habe ich mehr gelernt, als ich vermutet hätte: nicht nur über den speziellen Berufsalltag im Museum, sondern auch über das soziale und kommunikative Gefüge innerhalb eines Arbeitsplatzes.

Die Arbeit hat mich motiviert, ich habe wichtige Zusatzqualifikationen erworben, den Berufsalltag in allem Umfang und ungeschönt kennenlernen dürfen und habe einen umfassenden Eindruck von mehreren Arbeitsbereichen und deren individuellen Schwerpunkten vermittelt bekommen.

Ich konnte meine Studienschwerpunkte abgleichen und überdenken. Ich war jederzeit willkommen und mein direkter Vorgesetzter hat mir die Möglichkeit zur Realisierung und eigenständigen Erarbeitung von Ideen und Projekten gegeben. Mein Zeugnis über das geleistete Praktikum ist aussagekräftig und ich habe ein paar berufliche und private Kontakte gewonnen. Ich würde also sagen, ja, es hat sich gelohnt!

Würde ich bei einem zukünftigen Praktikum etwas anders machen?

Nun ja, ich würde zunächst die Rahmenbedingungen, wie das Gehalt, die Arbeitszeiten und den Einsatzbereich noch besser vertraglich und im Voraus abstimmen und sicherstellen, dass weder Kaffeekochen noch zu hohe Verantwortlichkeit bei Kernaufgaben zu meinen Arbeitsschwerpunkten gehören. Außerdem und grundsätzlich würde ich bei der Wahl des Praktikumsplatzes darauf achten, dass er sich mit dem eigenen Interessengebiet deckt und das Praktikum an sich wirklich einen Gewinn darstellt.